Die Anti-Smartphone-Kultur und warum sie Schwachsinn ist

Auf dem Bild (Quelle) ein junger Mann in einem Museum vor einem Gemälde Vincent van Goghs. In den Händen ein Smartphone, mit dem er ein Foto von Vincents „Selfie-Portrait“ schießt. Der Rest ist Interpretation, doch den meisten, vor allem den etwas älteren unter uns, ist klar: Diagnose: Smartphone-Sucht. Hier kann mal wieder jemand nicht ohne sein Smartphone. Das Leben wird nicht mehr erlebt, sondern geteilt. Ein klassischer Smombie.

„Smartphones sind das Ende der Kommunikation, wie wir sie kennen!“, ertönt die gequälte Stimme der älteren Generation. Der Anblick dieses jungen Mannes für sie ein absoluter Albtraum, denn es ist wohl tatsächlich soweit gekommen, dass die berüchtigte Generation Y Kultur nicht mehr zu schätzen weiß und Tiefsinn nicht mal mehr erkennt, wenn er sie zu ertränken droht. Über Leute, die in der Bahn lieber auf ihren Bildschirm starren, anstatt sich mit ihren Sitznachbarn zu unterhalten, wird missbilligend der Kopf geschüttelt. Wer heutzutage kein Smartphone besitzt, gehört zu den einzig noch klar denkenden Individuen, die sich nicht von den bösen Unternehmen wie Apple und Samsung das Gehirn waschen und das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Sogenannte Experten verfassen Artikel um Artikel über die Verwerflichkeit der heutigen Jugend, die nicht genug bekommen kann, sehen sie als eigenartige Subspezies des Menschen, die erforscht und werden muss, bilden sie in politischen Satire-Karikaturen als ahnungslose Blödel ab, die nicht wissen, wie man ein Buch aufmacht.

Hier schwingt einiges an Bitterkeit mit und das aus einem ganz einfachen Grund: Ich hab es einfach satt. Ich hab es satt, dass die Generation der Baby Boomer alles verteufelt, was nicht sie direkt begünstigt und dass wir als verwöhnt oder gar dumm dargestellt werden, weil wir gerne die Geräte nutzen, die sie erfunden haben und mit denen sie reich werden. Ich hab es satt, mich verteidigen zu müssen, weil ich gerne in Sozialen Netzwerken wie Twitter und Tumblr unterwegs bin, weil ich dann angeblich nicht mehr die Berechtigung habe, mich einen tiefgründigen Menschen zu nennen – schließlich verabscheuen tiefgründige Menschen offensichtlich Fortschritt und Technik, die das Leben ein kleines bisschen leichter macht.

Wenn eine Reihe von jungen Menschen in der U-Bahn an ihren Smartphones sitzen, sehen Anhänger der Anti-Smartphone-Kultur offensichtlich eine Reihe unsozialer Smombies, deren Blick förmlich am Bildschirm klebt und die durch einen blauen Vogel namens Larry durch Zwitscher-Laute einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Doch wollen sie nicht sehen, was wirklich passiert – nämlich Kommunikation. Eine schreibt gerade eine Whats-App-Nachricht an ihre Mutter, dass sie sie lieb hat und heute später nach Hause kommt, da die verfluchte Deutsche Bahn mal wieder Faxen macht. Daneben sitzt jemand, der auf seinem Tablet gerade ein Buch liest, um seine nächste Informatik-Prüfung zu bestehen und jede Gelegenheit nutzt, um etwas für seine Bildung zu tun. Daneben sitzt ein Mädchen, das lustige Snapchat-Selfies an ihre Freundin aus England schickt, die sie über das Internet kennen gelernt hat, und glücklich in ihre Kamera grinst, weil es eine Möglichkeit gibt, sie trotz der riesigen Entfernung zu sehen und mit ihr zu sprechen. Daneben jemand, der gerade ein lustiges Bild über Facebook mit seinen Freunden teilt. Daneben jemand, der sich gerade ein 6-Sekunden-Video auf Vine reinzieht, um nach einem stressigen Tag bei der Arbeit einfach mal abzuschalten und ein bisschen zu lachen.

Es ist ziemlich einfach und faul, andere Leute so oberflächlich zu verurteilen – und es wird langsam alt. Wenn du willst, dass ich mit meinen Sitznachbarn rede, dann rede mit mir. Nur weil ich gerade auf einen kleinen Bildschirm gucke, heißt nicht, dass ich für dich unerreichbar bin. Aber das tust du nicht, weil es dir leichter fällt, dich stattdessen über mich und meine angebliche Smartphone-Sucht zu beschweren.

Und ja, vielleicht möchte ich manchmal tatsächlich nicht von irgendwelchen fremden Leuten in der S-Bahn angesprochen werden. Ist das verkehrt? Darf ich nicht mehr selbst bestimmen, mit wem ich rede und wann mir gerade danach ist? Vielleicht benutze ich das Smartphone tatsächlich, um mich während einer zweistündigen Zugfahrt zu reading_on_train.jpgbeschäftigen.
Vor den Smartphones waren es Zeitungen. Vor den Zeitungen waren es Strickereien, und so weiter. Menschen haben schon immer Wege gefunden, einander aus dem Weg zu gehen. Doch das macht uns nicht zu unsozialen Menschen, ihr
Zeitung-Zombies. Im Gegenteil.

Ein anderes Argument, das gegen diese bestimmte Smartphone-Nutzung im Museum aufgekommen ist, ist dass es total unnötig ist, ein Bild von einem Gemälde zu schießen, wenn man das Bild sowieso im Internet finden und abspeichern kann. Da ist die Qualität sogar besser. Wieso kann ich denn meine Zeit bei einem Museumsbesuch oder bei einem Konzert denn nicht einfach genießen, ohne ständig Bilder oder Videos davon zu machen?
Nun, das Ding ist, dass ich mein Handy nicht rund um die Uhr vor der Nase hab. Ich habe vorher und danach sicherlich genug Zeit gehabt, ein Kunstwerk zu bestaunen. Das eine Foto, das ich dann geschossen habe, hat mich nicht um meine Erlebnisse beraubt. Das 10-Sekunden-Video, das ich während eines Konzerts vor zweieinhalb Jahren in London mit meiner schlechten Videokamera auf meinem Smartphone aufgenommen hab, nimmt mir nicht das Erlebnis des dreistündigen Konzerts. Die Bilder, die ich während eines Konzerts gemacht habe, hängen jetzt an meiner Wand, obwohl ich durchaus auch professionelle Bilder dieses Konzerts im Internet gefunden hab und es mehr als genug bessere Videos des Konzerts auf YouTube zu finden gibt (einer hat tatsächlich das ganze Konzert lückenlos von Videoaufnahmen, die bei YT zu finden waren, zusammengeschnitten!). Doch meine Aufnahme habe ich immer noch und sehe sie mir hin und wieder an.
Warum mach ich das?
Weil mich diese Aufnahme, die total verwackelt ist und wo der Ton komplett verzerrt und übersteuert ist, an die schönste Zeit meines Lebens erinnert. Diese Aufnahme wurde von meinem Standpunkt aus aufgenommen, sie ist verwackelt, weil ich während der Aufnahme vermutlich aufgeregt herumgesprungen bin und zur Musik getanzt hab, der Ton ist übersteuert, da die Musik so laut war, dass das Schlagzeug meinen Herzschlag bestimmt hat. Meine Bilder von minderwertiger Qualität haben Charakter und wurden von mir geschossen. Meine Idole, mit meiner Kamera, von meinem Standpunkt aus. So wie ich sie im echten Leben gesehen hatte.
Sich perfekte, professionelle Aufnahmen anzusehen ist zwar schön, aber es ist nicht zu vergleichen.

Smartphones geben mir die Möglichkeit, meine Freunde und Follower, die sich an meinem Leben interessieren, an meinem Leben teilhaben zu lassen, anstatt ihnen nur davon zu erzählen. Ich habe die Möglichkeit, Bilder mit ihnen zu teilen, die ansonsten nur in einem Fotoalbum verstauben würden und mich zur selben Zeit mit ihnen darüber auszutauschen.

Ich persönlich liebe Smartphones und die Möglichkeiten, die sie bieten, mein Leben zu organisieren und zu vereinfachen. Ich sehe mich nicht als Opfer von Smartphones, viel eher sehe ich Smartphones als Teil des Fortschritts, der die Welt verbessern kann. Und es ist schade, dass manche Menschen sich so vehement dagegen wehren, ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben.

Ein bestimmter Satz, der vor einiger Zeit durch das Internet kursierte – ich weiß nicht, wer ihn als erstes geäußert hat – lautet: „We live in an era of smart phones and dumb people.“
Fragt sich nur, wer genau hier der dumme ist.

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4 thoughts on “Die Anti-Smartphone-Kultur und warum sie Schwachsinn ist

  1. Linda

    Wieder total sehr interessant geschrieben. Man merkt wie emotional du bei dem Thema wirst und dadurch macht’s echt Spaß deinen Post zu lesen. 🙂
    Die Diskussion aus Englisch ist auch bisschen mit eingeflossen, oder? 😉

    Gefällt 1 Person

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