Eine Tumblr-Veteranin blickt zurück

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich meinen ersten Tumblog erstellt habe. Ich schätze, es war so um 2011 herum, das Jahr, in dem ich nach SchülerVZ mein Social-Network-Erwachen hatte und plötzlich sowohl in Facebook als auch Twitter angemeldet war. Ja, das war damals noch viel für mich. Ich war ziemlich aktiv auf Twitter, oder interaktiv, wenn man das so sagen kann. Ständig habe ich irgendwelche Leute angezwitschert oder irgendwelche Stars, in der Hoffnung, dass sie mir antworten. Das ist sogar hin und wieder passiert – die Screenshots habe ich immer noch.
Als mir Frank Iero, der Gitarrist der Band My Chemical Romance, auf Twitter geantwortet hatte und mich tatsächlich mit „you“ angesprochen hatte, bin ich erst einmal durch die Wohnung getanzt und hab überglücklich meine beste Freundin angerufen, um ihr davon zu erzählen, dass einer meiner absoluten Lieblingsmusiker jetzt weiß, dass ich existiere.
Sogar Lady Gaga hat mir mal gefolgt, aber den Account habe ich schön längst nicht mehr. Ich mag es aber, damit anzugeben. 😉

Bei einigen war es wohl üblich gewesen, seinen Tumblr-Account mit dem auf Twitter zu verknüpfen, sodass jeder einzelne Reblog oder Post zu einem Tweet wurde (wäre ich diesem Beispiel gefolgt, hätte ich heute etwa 70.000 Tweets mehr).
Und nach einiger Zeit wurde ich neugierig. Was ist dieses „Tumblr“ eigentlich? Und wieso ist jeder einzelne Post so verdammt lustig? Naja gut, definiere „lustig.“ Was ich vor fünf Jahren noch lustig fand, lässt mich heute nur noch die Augen verdrehen. Vor allem war das dunkle Zeitalter des Internets gerade in vollem Gange (9Gag ist dem heute noch nicht entkommen), in dem diese Gesichter das Netz regierten:

Funny-Meme-Faces-2-horz.jpg

Ich kriege Zustände, sag ich euch, wenn mir diese Fratzen beim Surfen begegnen. Wenn sie benutzt werden, und das werden sie leider immer noch, dann hoffe ich dass sie in ironischer Absicht benutzt werden.

Zuerst dachte ich mir noch: Ich kann doch niemals einfach so einen Blog erstellen! Mit eigenem Content, einem eigenen Design und woher weiß ich denn, was ich wie posten muss, um Follower zu bekommen? Das Konzept des eigenen Blogs war einfach viel zu merkwürdig und ich hab’s gelassen. Für ein paar Monate jedenfalls, denn nach und nach sind alle meine Twitter-Kontakte auf Tumblr übergesprungen und erzählten begeistert davon, wie toll es doch wahr, und twitterten über ihre Blogs und baten andere, ihnen zu folgen – da dachte ich mir „Komm, was die können, kannst ich auch.“
Und somit fiel mein Twitter-Account in ein tiefes Koma, das erst Jahre später wieder enden sollte.

Nun bin ich schon seit fünf Jahren auf der Webseite, habe mittlerweile meinen zweiten Account und unzählige Nebenblogs, die teilweise wirklich genutzt werden und teilweise nur dazu dienen, tolle URLs zu horden wie Klopapier während einer Apokalypse. Wenn man so lange mit dabei ist wie ich, hat man die Berechtigung, sich einen Tumblr-Veteranen zu nennen. Ich habe Aufstieg und Fall des SuperWhoLock-Fandoms und den der „Internet-Queen“ Jennifer Lawrence miterlebt. Ich war dabei, als sich die Seite von einem Meme-gefüllten Chaos, zu einem politisch korrekten Safe-Place für Minderheiten, zu einem Mischmasch aus beidem entwickelt hat.
Ich weiß noch, wie ich mich in meiner Anfangszeit über 10 Follower gefreut habe – jetzt sind es über 3.400 und es ist mir völlig wurscht. Während meiner Zeit bei Tumblr habe ich gelernt, dass Follower nicht das wichtigste sind – anfangs noch hatte ich versucht, andere zu beeindrucken und gemocht zu werden. Mittlerweile poste ich nur noch das, was mir gefällt und wenn andere mögen was sie sehen, freut es mich natürlich; wenn ich ihnen jedoch auf die Nerven gehe und sie entscheiden, mir doch lieber zu entfolgen, dann ist das auch völlig in Ordnung.
Manchmal war ich so sehr von Tumblr angenervt, dass ich kurz davor war, meinen Account zu endgültig löschen, aber seien wir mal ehrlich: Ich bin ein kleiner Tumblr-Suchti. Auch wenn ich mittlerweile nicht mehr jeden Tag auf der Seite verbringe und das auch nicht möchte, würde ich es dennoch vermissen. Außerdem habe ich viel Zeit und Mühe in meinen Tumblog investiert.
Das klingt jetzt vermutlich unglaublich schnulzig, aber ohne Tumblr wäre ich nicht die Person, die ich heute bin. Obwohl es die Tumblr-Community manchmal ein bisschen zu weit treibt und zu extrem werden kann, habe ich durch Tumblr den Feminismus kennen gelernt und durch ein paar virtuelle Nackenklatscher mein Verhalten auch anderen gegenüber sensibilisiert.
Tumblr ist jedoch nicht nur die Political Correctness Police, sie können auch ziemlich lustig sein – das ist ein bewiesener Fakt, immerhin hat die „The Best of Tumblr“-Facebookseite über 3 Millionen Likes. Der Humor dort ist einfach so erfrischend originell, dass dort alle paar Tage neue Memes entstehen, die wiederum nach wenigen Wochen wieder out sind. Es ist immer wieder komisch dabei zuzusehen, wie Social Media Manager von Unternehmen wie z.B. Denny’s versuchen, mitzuhalten und Memes für Werbezwecke zu nutzen und dennoch viel zu spät auf den Zug aufspringen und ihre Chance, relevante Posts zu erstellen, verpassen.

Auf Facebook wird sich zwar viel über Tumblr lustig gemacht, weil alle so viel Wert auf Achtsamkeit gegenüber Minderheiten und Menschen mit gesundheitlichen Störungen oder Traumata legen (siehe: Trigger-Warning) und angeblich alles „offensive“ ist, aber genau das finde ich an Tumblr eigentlich ziemlich gut. Dadurch wird Bewusstsein für diejenigen geschaffen, die wirklich zu leiden haben und sich nicht sicher im Internet bewegen können. Da hinken andere Social Networks wie Facebook und Twitter noch hinterher, um ehrlich zu sein. Ich weiß aber, dass Vine manche Videos nicht automatisch abspielt und eine Nachricht drüberklatscht, die darauf hinweist, dass der Inhalt des Videos für manche sensibel sein kann. Das ist immerhin ein Anfang.
Mit dem Add-On „New X-Kit„, die viele hilfreiche Extensions beinhaltet, kann man bestimmte Tags einfach auf die Blacklist setzen und sie somit von seinem Dashboard fernhalten.
Ich muss dazu erwähnen, dass das Add-On nicht von Tumblr erstellt wurde, sondern von den guten Feen des Internets, die soweit ich weiß noch nicht einmal Geld damit verdienen.

Seit Tumblr an Yahoo verkauft wurde, geht es mit den Upgrades einfach nur noch steil bergab – die Mitarbeiter kümmern sich nicht um die Anliegen, Wünsche und Verbesserungsvorschläge ihrer Nutzer und scheinen allesamt Scripting-Newbies zu sein, die die Seite mit jedem neuen, unnötigen Upgrade Downgrade weiter verhunzen. Jetzt wurde sogar die Reply-Funktion von Posts einfach komplett entfernt, weil sie angeblich kaum genutzt wurde, doch der Großteil der Nutzer scheint da anderer Meinung zu sein. Überhaupt sind die Mitarbeiter zu einer Witzfigur geworden, die keiner mehr ernst nehmen kann und auf die alle nur noch so einen Hals haben. Deswegen braucht man das Add-On, um überhaupt Spaß an der Seite haben zu können, geschweige denn sie gescheit nutzen zu können. Ich selbst habe 39 Extensions installiert…. das sagt schon einiges über die Seite aus, finde ich.

Doch ohne sie hätte ich einen Teil meiner Freundinnen überhaupt nicht kennen gelernt, insbesondere eine sehr gute Freundin aus England, mit der ich schon seit mehreren Jahren regelmäßig Kontakt habe und die ich unbedingt mal besuchen will. Yes, internet friendships are indeed a thing.
Außerdem besteht die Tumblr-Community offensichtlich nicht nur online, denn erst gestern habe ich wieder jemanden in der Uni kennengelernt, der ebenfalls viel auf Tumblr unterwegs ist und mich sofort super mir ihr verstanden. 😀

Die Anti-Smartphone-Kultur und warum sie Schwachsinn ist

Auf dem Bild (Quelle) ein junger Mann in einem Museum vor einem Gemälde Vincent van Goghs. In den Händen ein Smartphone, mit dem er ein Foto von Vincents „Selfie-Portrait“ schießt. Der Rest ist Interpretation, doch den meisten, vor allem den etwas älteren unter uns, ist klar: Diagnose: Smartphone-Sucht. Hier kann mal wieder jemand nicht ohne sein Smartphone. Das Leben wird nicht mehr erlebt, sondern geteilt. Ein klassischer Smombie.

„Smartphones sind das Ende der Kommunikation, wie wir sie kennen!“, ertönt die gequälte Stimme der älteren Generation. Der Anblick dieses jungen Mannes für sie ein absoluter Albtraum, denn es ist wohl tatsächlich soweit gekommen, dass die berüchtigte Generation Y Kultur nicht mehr zu schätzen weiß und Tiefsinn nicht mal mehr erkennt, wenn er sie zu ertränken droht. Über Leute, die in der Bahn lieber auf ihren Bildschirm starren, anstatt sich mit ihren Sitznachbarn zu unterhalten, wird missbilligend der Kopf geschüttelt. Wer heutzutage kein Smartphone besitzt, gehört zu den einzig noch klar denkenden Individuen, die sich nicht von den bösen Unternehmen wie Apple und Samsung das Gehirn waschen und das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Sogenannte Experten verfassen Artikel um Artikel über die Verwerflichkeit der heutigen Jugend, die nicht genug bekommen kann, sehen sie als eigenartige Subspezies des Menschen, die erforscht und werden muss, bilden sie in politischen Satire-Karikaturen als ahnungslose Blödel ab, die nicht wissen, wie man ein Buch aufmacht.

Hier schwingt einiges an Bitterkeit mit und das aus einem ganz einfachen Grund: Ich hab es einfach satt. Ich hab es satt, dass die Generation der Baby Boomer alles verteufelt, was nicht sie direkt begünstigt und dass wir als verwöhnt oder gar dumm dargestellt werden, weil wir gerne die Geräte nutzen, die sie erfunden haben und mit denen sie reich werden. Ich hab es satt, mich verteidigen zu müssen, weil ich gerne in Sozialen Netzwerken wie Twitter und Tumblr unterwegs bin, weil ich dann angeblich nicht mehr die Berechtigung habe, mich einen tiefgründigen Menschen zu nennen – schließlich verabscheuen tiefgründige Menschen offensichtlich Fortschritt und Technik, die das Leben ein kleines bisschen leichter macht.

Wenn eine Reihe von jungen Menschen in der U-Bahn an ihren Smartphones sitzen, sehen Anhänger der Anti-Smartphone-Kultur offensichtlich eine Reihe unsozialer Smombies, deren Blick förmlich am Bildschirm klebt und die durch einen blauen Vogel namens Larry durch Zwitscher-Laute einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Doch wollen sie nicht sehen, was wirklich passiert – nämlich Kommunikation. Eine schreibt gerade eine Whats-App-Nachricht an ihre Mutter, dass sie sie lieb hat und heute später nach Hause kommt, da die verfluchte Deutsche Bahn mal wieder Faxen macht. Daneben sitzt jemand, der auf seinem Tablet gerade ein Buch liest, um seine nächste Informatik-Prüfung zu bestehen und jede Gelegenheit nutzt, um etwas für seine Bildung zu tun. Daneben sitzt ein Mädchen, das lustige Snapchat-Selfies an ihre Freundin aus England schickt, die sie über das Internet kennen gelernt hat, und glücklich in ihre Kamera grinst, weil es eine Möglichkeit gibt, sie trotz der riesigen Entfernung zu sehen und mit ihr zu sprechen. Daneben jemand, der gerade ein lustiges Bild über Facebook mit seinen Freunden teilt. Daneben jemand, der sich gerade ein 6-Sekunden-Video auf Vine reinzieht, um nach einem stressigen Tag bei der Arbeit einfach mal abzuschalten und ein bisschen zu lachen.

Es ist ziemlich einfach und faul, andere Leute so oberflächlich zu verurteilen – und es wird langsam alt. Wenn du willst, dass ich mit meinen Sitznachbarn rede, dann rede mit mir. Nur weil ich gerade auf einen kleinen Bildschirm gucke, heißt nicht, dass ich für dich unerreichbar bin. Aber das tust du nicht, weil es dir leichter fällt, dich stattdessen über mich und meine angebliche Smartphone-Sucht zu beschweren.

Und ja, vielleicht möchte ich manchmal tatsächlich nicht von irgendwelchen fremden Leuten in der S-Bahn angesprochen werden. Ist das verkehrt? Darf ich nicht mehr selbst bestimmen, mit wem ich rede und wann mir gerade danach ist? Vielleicht benutze ich das Smartphone tatsächlich, um mich während einer zweistündigen Zugfahrt zu reading_on_train.jpgbeschäftigen.
Vor den Smartphones waren es Zeitungen. Vor den Zeitungen waren es Strickereien, und so weiter. Menschen haben schon immer Wege gefunden, einander aus dem Weg zu gehen. Doch das macht uns nicht zu unsozialen Menschen, ihr
Zeitung-Zombies. Im Gegenteil.

Ein anderes Argument, das gegen diese bestimmte Smartphone-Nutzung im Museum aufgekommen ist, ist dass es total unnötig ist, ein Bild von einem Gemälde zu schießen, wenn man das Bild sowieso im Internet finden und abspeichern kann. Da ist die Qualität sogar besser. Wieso kann ich denn meine Zeit bei einem Museumsbesuch oder bei einem Konzert denn nicht einfach genießen, ohne ständig Bilder oder Videos davon zu machen?
Nun, das Ding ist, dass ich mein Handy nicht rund um die Uhr vor der Nase hab. Ich habe vorher und danach sicherlich genug Zeit gehabt, ein Kunstwerk zu bestaunen. Das eine Foto, das ich dann geschossen habe, hat mich nicht um meine Erlebnisse beraubt. Das 10-Sekunden-Video, das ich während eines Konzerts vor zweieinhalb Jahren in London mit meiner schlechten Videokamera auf meinem Smartphone aufgenommen hab, nimmt mir nicht das Erlebnis des dreistündigen Konzerts. Die Bilder, die ich während eines Konzerts gemacht habe, hängen jetzt an meiner Wand, obwohl ich durchaus auch professionelle Bilder dieses Konzerts im Internet gefunden hab und es mehr als genug bessere Videos des Konzerts auf YouTube zu finden gibt (einer hat tatsächlich das ganze Konzert lückenlos von Videoaufnahmen, die bei YT zu finden waren, zusammengeschnitten!). Doch meine Aufnahme habe ich immer noch und sehe sie mir hin und wieder an.
Warum mach ich das?
Weil mich diese Aufnahme, die total verwackelt ist und wo der Ton komplett verzerrt und übersteuert ist, an die schönste Zeit meines Lebens erinnert. Diese Aufnahme wurde von meinem Standpunkt aus aufgenommen, sie ist verwackelt, weil ich während der Aufnahme vermutlich aufgeregt herumgesprungen bin und zur Musik getanzt hab, der Ton ist übersteuert, da die Musik so laut war, dass das Schlagzeug meinen Herzschlag bestimmt hat. Meine Bilder von minderwertiger Qualität haben Charakter und wurden von mir geschossen. Meine Idole, mit meiner Kamera, von meinem Standpunkt aus. So wie ich sie im echten Leben gesehen hatte.
Sich perfekte, professionelle Aufnahmen anzusehen ist zwar schön, aber es ist nicht zu vergleichen.

Smartphones geben mir die Möglichkeit, meine Freunde und Follower, die sich an meinem Leben interessieren, an meinem Leben teilhaben zu lassen, anstatt ihnen nur davon zu erzählen. Ich habe die Möglichkeit, Bilder mit ihnen zu teilen, die ansonsten nur in einem Fotoalbum verstauben würden und mich zur selben Zeit mit ihnen darüber auszutauschen.

Ich persönlich liebe Smartphones und die Möglichkeiten, die sie bieten, mein Leben zu organisieren und zu vereinfachen. Ich sehe mich nicht als Opfer von Smartphones, viel eher sehe ich Smartphones als Teil des Fortschritts, der die Welt verbessern kann. Und es ist schade, dass manche Menschen sich so vehement dagegen wehren, ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben.

Ein bestimmter Satz, der vor einiger Zeit durch das Internet kursierte – ich weiß nicht, wer ihn als erstes geäußert hat – lautet: „We live in an era of smart phones and dumb people.“
Fragt sich nur, wer genau hier der dumme ist.