Kreativität auf Knopfdruck

Man sitzt nach einem langen, harten Tag an der Uni endlich in seinem gemütlichen Wohnzimmersessel, kann nach stundenlangem Hin- und Herpendeln endlich mal entspannen und CSI: Miami gucken, weil gerade sowieso nichts gescheiteres im TV läuft, und dann fällt einem ein: Ach ja, ich muss ja noch meinen Blog füttern. Und das am besten Zack Zack, denn das alles muss ja in zwei Tagen schon abgegeben werden und lange genug online gewesen sein, um von anderen gesehen und kommentiert zu werden. Also holt man den mittlerweile etwas überanstrengten Laptop wieder aus den Tiefen seines Rucksacks hervor und öffnet ihn mit einem Ächzen, gibt sein Passwort drei mal falsch ein – es ist immerhin schon halb ein Uhr morgens, okay? – und sitzt erst einmal vor einem blanken Word-Dokument. Und nu?

Wie soll ich jetzt einen qualitativ hochwertigen Text aus dem Ärmel schütteln, der bestenfalls mit 1,0 bewertet werden kann? Denn man will es ja nicht einfach nur hinter sich bringen und 1.000 Wörter Geschwätz heraushauen, in denen man die gleiche Aussage vier mal umschreibt um die empfohlene Wortanzahl zu erreichen. Ich habe Blogs nämlich in letzter Zeit wirklich zu schätzen gelernt, nachdem sie mich jahrelang überhaupt nicht gejuckt haben. Sie sind ein tolles Medium für Menschen mit einem Mitteilungsdrang, der im „wahren Leben“ nicht befriedigt werden kann, für Menschen, die unglaublich intelligent und gebildet sind und die Öffentlichkeit mit ihrem Wissen bereichern wollen, oder für Menschen wie mich, die (noch) nicht wirklich eine Ahnung von irgendwas haben, aber trotzdem irgendwie einen Blog erstellen mussten und sich erhoffen, dass sich da auch über die Pflicht und das Studium hinaus eine Leidenschaft entwickeln kann. Weil bloggen eben cool ist.

Ich muss zugeben, dass es schwer ist, eine Leidenschaft für etwas zu entwickeln, wenn es einem aufgezwungen wird. „Schreibt über etwas, das mit Web Literacy, Onlinekommunikation zu tun hat oder dokumentiert eure Erfahrungen in den Barcamps“, war die Aufgabe. Ziemlich weit gefächert und daher eigentlich viel Raum für eingeschränkte Kreativität und dennoch entschieden sich die meisten, inklusive mir, für die Dokumentation der Barcamps. Woran könnte das liegen? Zum einen daran, dass wir eine Deadline hatten, die einem zuerst noch ziemlich weit weg erschien aber im Grunde gar nicht so fern war. Die Zeit vergeht eben doch im Flug, wenn man ständig am Machen und Tun ist und noch dazu Probleme hat, sich im Studium zu organisieren, weil man von Informationen und Terminen überschwemmt wird und noch nicht mal eine einzige Prüfung geschrieben hat. Es ist ein bisschen wie bei dem Spiel Piano Tiles 2, das von Level zu Level immer schneller wird und es immer komplizierter wird, Schritt zu halten, da die Reflexe nicht schnell genug sind und man nicht genug Übung hat, aber man doch irgendwie hofft, die richtigen Tasten zur richtigen Zeit zu drücken und das Spiel am Ende doch noch zu gewinnen.

Plötzlich sind es dann doch nur noch zwei Tage bis zur Abgabe und man hat noch nichts. Doof. Und dann ist auch noch der Kopf wie leergefegt, wenn es darauf ankommt, kreativ zu sein. „Denk nach, denk nach, denk nach“ – ein ewiges Mantra, bis man irgendwann einfach damit anfängt, ein Barcamp zu dokumentieren. Beim ersten mal zwar noch interessant, ab dem zweiten oder dritten mal wird’s aber zäh. Ich möchte mich nicht von einem Blogeintrag zum anderen quälen mit Sätzen wie „es wurde dies gesagt und dann wurde das geantwortet und dabei wurde festgestellt, dass…“ und es einfach abhaken, weil ich eben muss, sondern es wirklich gerne tun, etwas dazulernen und das – wie schon gesagt – mit Leidenschaft.

Dass so viel über Barcamps berichtet wurde, könnte außerdem daran liegen, dass die Erfahrung in Sachen Blog schreiben eben noch sehr begrenzt sind. Es ist alles noch so neu und unbekannt und wir sind gerade erst dabei, unser Online-Potential auszuschöpfen. Einige sind einfach nur glücklich, wenn sie 1.300 Wörter geschafft haben, also etwas unter der Grenze der empfohlenen Wörterzahl ist. Irgendwie ein bisschen traurig, wenn man bedenkt, dass man bei Blogs eigentlich mit Herz und Seele dabei sein sollte, oder wenigstens mit Begeisterung für das Konzept. Denn man merkt es einfach, wenn sich der Text einfach nur hinschleppt. Wenn der Autor keine Lust hat zu schreiben, hat der Leser keine Lust zu lesen.

Es ist vielleicht kein besonders guter oder hilfreicher Rat von mir, aber mir hilft es, wenn ich einfach schreibe, was mir gerade so zu dem Thema einfällt und nicht auf die kleine Anzeige achte, die jedes Wort mitzählt. Blendet sie einfach aus oder klebt von mir aus einen Zettel hin, damit ihr gar nicht erst in die Versuchung kommt. Dann kommen die Wörter auch viel einfacher und flüssiger. Es ist wie mit der Uhr, die plötzlich viel langsamer tickt, wenn man sie dabei beobachtet.

Und jetzt kann ich guten Gewissens meinen Blogeintrag beenden, ohne den heimlichen Hintergedanken, dass ich es endlich hinter mir habe.

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